Seminar der Freundeskreise in Israel vom 22. bis 25. Mai 2016 – Ein Bericht von Friedel Grützmacher

FRIENDS OF GIVAT HAVIVA 24 5 16 025Aus Anlass der 4. Konferenz zum Thema „Shared Society“ hatte Givat Haviva, Israel Vorstandsmitglieder und wichtige UnterstützerInnen aus den internationalen Freundeskreisen zu einem dreitägigen Seminar nach Israel eingeladen.

Erfreulicherweise kamen Repräsentanten aus fast allen Freundeskreisen; von unseren Mitgliedern waren Irmgard Sander, Dagmar Sadzik und ich dabei, dazu natürlich Torsten Reibold und als Repräsentantin der Friedensakademie Rheinland-Pfalz, Melanie Hussack.

Unser – übrigens sehr komfortables -  Hotel lag diesmal in Nazareth, wofür Yaniv Sagee und Riad Kabha, die beiden Direktoren von Givat Haviva, natürlich gleich mehrere gute Gründe hatten:

1. wollten sie uns zeigen, wie wenig bisher eine so bibelbekannte Stadt wie Nazareth vom allgemeinen „Bibeltourismus“ profitiert und warum das so ist, und

2. haben sie uns mit einer gerade entstehenden Bürgerinitiative, die die fast absolute Trennung zwischen Juden und Palästinensern, die hier in Nazareth und Nazareth Ilit ganz dicht zusammenwohnen, überwinden will. Dass so eine Initiative überhaupt entsteht, ist immer noch etwas Ungewöhnliches in Israel, und sie werden natürlich von Givat Haviva bestens unterstützt.

Da Nazareth ist eine palästinensisch-israelische Stadt, gab es bisher wenig Unterstützung zum Aufbau einer nennenswerten Tourismusindustrie. Die „Nazareth Association for Culture and Tourism“ , eine non profit Organisation, versucht nun, das touristische Potential, das mit dem Namen Nazareth verbunden ist, zu erschließen, vor allem, um die malerische Altstadt mit den vielen für Christen heiligen Stätten, wieder zu beleben und dabei natürlich Arbeitsplätze zu schaffen. Wir konnten uns bei einem Rundgang durch Nazareth überzeugen, dass dort ein großes unerschlossenes Potential liegt. Auch für nicht so Bibelfeste ist Nazareth eine Reise wert.

Im Tourismusbüro in Nazareth stellte Yaniv den ehrgeizigen Plan zur Zukunft von Givat Haviva vor.

1. Vom Campus 2016 zum Co.Lab Campus 2026  

Givat Haviva hat erkannt, welche einzigartige Chance der geräumige Campus darstellt. Hier werden sich in Zukunft Menschen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Herkunft, mit unterschiedlichem sozialen Hintergrund treffen; in einem Laboratorium, in dem akademische und praktische Ausbildung, Friedenswissenschaft und Friedensarbeit, miteinander verbunden werden.

Als erstes wird schon im September 2016 die Internationale Schule für Führungskräfte und Friedensarbeit auf dem Campus von Givat Haviva eröffnet, mit bis zu 200 Studienplätzen, deren Ziel es ist, Führungskräfte der nächsten Generation auszubilden.

Im Mittelpunkt steht nicht mehr der Sozialarbeiter (von dem wir alle den Spruch kennen, dass er repariert, was unsere kapitalistische Wirtschaftsordnung an kaputten Menschen hinterlässt), sondern der/die zivilgesellschaftlich engagierte UnternehmerIn.

Wer Genaueres wissen will, kann sich gern an mich oder Torsten wenden. Wir schicken euch dann die Broschüre Co.Lab Givat Haviva.

2. Fourth Annual Givat Haviva Shared Society Conference

Am 24. Mai fand dann die 4. Shared Society Konferenz in Givat Haviva statt. Unterstützt von Grußbotschaften vom Präsident Obama und dem israelischen Präsident Rivlin, wurde mit Politikern, Journalisten und Musikern über die Möglichkeiten eines gleichberechtigten und  gerechten Zusammenlebens von Juden und Palästinensern in Israelis geredet und welche Rolle dabei der Politik, den Medien und der Kultur zukommt.

In der Gesprächsrunde mit den Journalisten wurde deutlich, dass es nur ganz wenige palästinensische Journalisten in den israelischen Medien gibt und dass es ebenso wie in Deutschland auch in Israel kaum „Friedensberichterstatter“ gibt.

Meine Idee, die ich auch schon in der Friedensakademie Rheinland-Pfalz verfolge, wäre eine Fortbildung für JournalistInnen mit dem Thema:“Wie berichtet man über einen nicht stattgefundenen Krieg?“  Vielleicht auch ein Thema für Givat Haviva?

3. Israel: ein Staat ohne klare Grenzen?

Nach der Konferenz führte uns dann Lydia Eisenberg in die verworrene Geographie Israels ein. Da ist einmal die „Grüne Grenze“, die auf keiner offiziellen Landkarte von Israel eingezeichnet ist, obwohl sie fast genau so streng bewacht und von Menschen auf beiden Seiten genau so schwer zu überqueren ist wie damals die Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland. Und dann der „Zaun“, den die israelischen Behörden als Hindernis (Grenze?) zwischen Israel und den besetzten Gebieten – also Palästina – errichtet haben, und der, wie er sich da so als breites Band durch die Landschaft schlängelte, doch sehr an die innerdeutsche „Demarkationsgrenze“  erinnert. Da er aber teilweise nicht auf der Grünen Grenze verläuft, schafft er Gebiete der dritten Art, die weder da noch dahin gehören. Und alles in einem Abschnitt, wo Israel nur halb so breit ist wie eine Marathondistanz!! Wir standen an der Grenze zu den besetzten Gebieten und sahen drüben das Meer

4. Die Arbeit von Givat Haviva

Der nächste Tag war dann der Alltagsarbeit von Givat Haviva gewidmet. Zuerst führte uns Frau Dr. Anat Avrahami in die ganz neu gestaltete Evaluationsabteilung ein. Der Evaluierung aller Bereiche von Givat Haviva: sei es das Kollegium, seien es die Programme, wird in Zukunft eine große Bedeutung zukommen, auch um Programme passgenau und ergebnisorientiert zu gestalten.

Danach haben wir verschiedene Programme besucht: Kinder lehren Kinder, das neue Baraem High-Tech-Computer Lab und schließlich – sehr eindrucksvoll – eine palästinensische Schule, in der eine jüdische Lehrerin den SchülerInnen nicht nur die jüdische Sprache sondern auch jüdische Gewohnheiten und jüdisches Leben beibringt.

Der Schulleiter erzählte, dass er an dem Tag, als wieder eine Welle Gewalt zwischen jüdischen und palästinensischen Israelis durch Israel schwappte, die Lehrerin angerufen hat, um zu sagen, dass sie wohl besser nicht kommen sollte. Sie kam aber dennoch und fühlte sich keinen Moment unsicher oder bedroht.

5. Zusammenarbeit Givat Haviva und der rheinland-pfälzischen Friedensakademie
Als wichtiger Bestandteil der Neuausrichtung von Givat Haviva wurde immer wieder die Zusammenarbeit mit akademischen Institutionen im Ausland genannt, die sich mit der Friedensthematik beschäftigen.

Da sich die Friedensakademie Rheinland-Pfalz ebenfalls an der Schnittstelle von Theorie und Praxis der Friedensarbeit verortet, hat auf unsere Einladung hin Melanie Hussack, Mitarbeiterin der Friedensakademie RLP, an unserem Seminar teilgenommen. Natürlich stand für sie die Verstärkung der Zusammenarbeit zwischen Givat Haviva und der Friedensakademie im Vordergrund, aber sie konnte auch weiter Kontakte, z.B. zur Universität Haifa, knüpfen. Ich werde euch ihren Bericht ebenfalls zuschicken.

Friedel Grützmacher      Berlin, den 1.6.2016