Samer Atamneh: Lasst uns Reden – Jetzt erst Recht!

Samer Atamneh in Ma’ariv, 3. Januar 2016

Ma'ariv 03.01.2016

Ma’ariv 03.01.2016

Wenn Menschen sterben, ist dies immer eine große Tragödie und es schmerzt umso mehr, wenn junge Menschen ihr Leben verlieren. Mord ist ein besonders abscheuliches Verbrechen, es macht mich traurig und wütend – unabhängig davon, wer ermordet wurde! Nun ist aber alles noch viel schlimmer als sonst, denn der Mörder kommt aus meinen Reihen, ist ein Nachbar. Ich spreche sicherlich für die allermeisten Araber in Israel, wenn ich sage, dass der Angriff auf die Bar in Tel Aviv ein unerhörtes Verbrechen darstellt, denn die allermeisten Araber möchten Frieden und eine gerechte, gleichberechtigte Gesellschaft. Unser aufrichtiges und ehrliches Mitgefühl gilt den beiden Todesopfern und ihren Hinterbliebenen.

Der feige Mörder hingegen, steht nicht für uns – ganz im Gegenteil! Niemand hier unterstützt ihn oder seine Tat; sein Vater selbst hat ihn nach der Tat für die Polizei identifiziert! Auch unsere politischen Vertreter reagierten schnell und verantwortungsbewusst, indem sie die Tat streng verurteilten und an Juden und Araber appellierten, den Frieden zu wahren. Es ist nun an der Polizei, den Mörder zu finden und das dringende Problem der Gewalt und der illegalen Waffen in der arabischen Gesellschaft umsichtig anzugehen. Seit Jahren bereits fordern arabische Politiker Hilfe bei der Lösung dieser Probleme. Dialog- und Präventionsprogramme können Kriminalität und Gewalt stoppen, wenn man will. Wer jedoch behauptet, die arabische Gesellschaft sei per se gewalttätig, ist entweder ein Lügner oder er hat noch sich noch nie ernsthaft mit uns beschäftigt.

Momentan habe ich große Angst. Ich habe Angst vor der Angst, die nun wieder geschürt wird. Für die meisten Juden sind Araber Fremde und sie fürchten sich vor ihnen. Die Medien bedienen diese Furcht, indem sie Vorurteile schüren. Stimmen der Vernunft sind selten, nur wenige haben hierzu noch den Mut. Lasst uns einander nicht aufgeben! Wir haben nur gemeinsam eine Zukunft. Gerade jetzt müssen wir wieder miteinander Reden! Gerade jetzt dürfen wir uns nicht von Angst und Angstmacherei vereinnahmen lassen!

 Ich lade jeden, der möchte, zu mir nach Kfar Kara ein, in meine Stadt. Lasst uns wie Menschen miteinander sprechen. Lasst uns als gleichberechtigte Bürger  miteinander sprechen. Ich sage euch: Nichts, was man euch von uns erzählt, ist wahr. Wir sind eine friedliebende Gesellschaft.

Auch für mich war diese schreckliche Tat ein Weckruf. Sie und die Reaktionen auf sie haben wieder einmal gezeigt, wie auf beiden Seiten Angst das Leben beherrscht: Juden wie Araber sehen sich gegenseitig als furchteinflößende, gewalttätige Menschen an. So kann unser Staat, kann unsere Gesellschaft nicht überleben. Wir sind Nachbarn! Es wird Zeit, dass wir uns wie Nachbarn benehmen. Lasst uns die Mauern zwischen uns einreißen. Ich sage euch, ihr werdet nicht enttäuscht sein!

Samer Atamneh ist der arabische Co-Direktor für pädagogische Aufgaben in Givat Haviva. Er lebt in Kfar Kara im Wadi Ara, Israel.