David und Ismael werden Freunde von Johannes Rau

Gar nicht weit von Jerusalem liegt eine Stadt, in der es ein arabisches Viertel gibt. Ganz nah bei dem Haus, das der Familie Meir gehört, wohnt die Familie Husseini.

Ihr ältester Sohn heißt Ismael und geht schon seit einiger Zeit in die Schule. Fast gleichaltrig wie Ismael ist David, der achtjährige Sohn der Familie Meir. Beide Jungen kennen sich vom Sehen, manchmal haben sie sich auch gerempelt, wenn sie in den Bus gestiegen sind, aber noch nie haben sie wirklich miteinander gesprochen. Ihre Eltern sehen das auch nicht gerne, und im übrigen: Was haben sie schon miteinander zu tun? Zwar leben Juden und Araber in einem Staat, das wissen Ismael und David, manchmal verstehen sie sich auch ganz gut. aber so richtig gehören sie doch nicht zusammen. Und deshalb hat jeder seine Spielkameraden, David seine jüdischen Freunde und Ismael die Jungen aus dem arabischen Viertel.

Eines Tages erzählt Davids Lehrerin davon, daß man nach Givat Haviva eingeladen worden sei, um mit den Kindern aus anderen Klassen und Schulen etwas Neues zu lernen. David ist gespannt. So furchtbar gern geht er nicht zur Schule; umso mehr freut er sich, wenn einmal etwas anderes auf dem Programm steht.

Ein paar Wochen später hält ein Bus vor der Schule, und David und seine Klassenkameraden fahren los. Eine ganze Woche lang sollen sie andere Jungen kennenlernen, mit ihnen basteln und über das sprechen, was ihnen wichtig ist, was ihnen gefällt und was sie sich wünschen. Eine der ersten Stunden findet in einem großen Raum statt. Auf den Tischen liegen Zeichenpapier und Buntstifte, Wachskreiden und Farbtöpfe. Alle Kinder bekommen eine Aufgabe: Wenn einmal Friede ist. Könnt ihr euch das ausmalen?

David zeichnet gerne. Gleich greift er sich einen großen weißen Bogen und nimmt die Wachsmalstifte. Mitten auf das Papier malt er einen großen grünen Baum mit vielen bunten Blüten. Um den Baum herum sitzen und stehen Jungen und Mädchen, die sich unterhalten, die essen und trinken und ganz offensichtlich fröhlich sind. Sein Nachbar malt eine weite Landschaft. Er benutzt kräftige Farben für den Himmel und die Sonne, die großen Felder und die Bäume. Das gefällt David gut. Toll, wie der malen kann, denkt er. Und als er ihm das gerade sagen will, da bemerkt er, wer es ist. Es ist Ismael. Für eine Sekunde zögert er. Soll er sich nicht besser wieder seinem eigenen Bild zuwenden und gar nichts sagen? Aber das Bild ist einfach schön, es gefällt ihm so gut, daß er es dem anderen sagen will – und er tut es. Ismael, der eben noch ein kleines Stück zurückweichen wollte, als David anfing zu reden, strahlt nun über das ganze Gesicht. Er ist stolz, daß David dieses Bild so sehr gefällt. Und ehe sie sich versehen, sprechen sie über ihre Bilder und überlegen, was sie noch malen könnten. Vor zehn Minuten hätten sie nicht geglaubt, daß sie sich so gut verstehen könnten.


Geschichte aus: “Nicht nur Gutenacht Geschichten” von Prominenten erzählt – illustriert von Albrecht Rissler und Peter Pfeiffer

© Peter-Grohmann-Verlag Dresden für die Einzelbeiträge bei der Arbeiterwohlfahrt Rhein-Neckar-Kreis, für die Gesamtausgabe beim Peter-Grohmann-Verlag, Dresden ISBN 3-927 340-46-4